Ach, Frau Pauer. Er fickt nicht?

Als Kommentar zu: http://www.zeit.de/2012/02/Maenner 

Das mit dem „falsch abgebogen“ gefällt mir. Ich denke allerdings, dass Ihnen das passiert ist. Der Artikel will zu viel und erreicht darum bei mir – nichts.

Dieser dauernde Sprung von „die jungen Männer“ zu „der junge Mann“ wirft bei mir die Frage auf, ob Sie versucht haben, aus einer oder mehreren persönlichen Erfahrungen heraus einen Rückschluss auf’s Ganze zu ziehen, oder umgekehrt aus einem konstruierten Ganzen ein Fallbeispiel ableiten wollten.

Für mich hat keines von beiden funktioniert. Sollten ihre Aussagen sarkastisch wirken, so kamen sie bei mir als Zynismus an. Sollten sie karikieren, so haben Sie in meinen Augen die falschen Merkmale überzeichnet – einen Karl Dall erkennt man nicht an der Frisur. Den von Ihnen gebastelten Typus Mann genau so wenig an Bierflasche oder Mixtape.

Es gibt sie, die Verkopften, die Enttäuschten, die Das-Beste-Wollenden in wollenen Jacken. Die Vernünftigen, die Lieben, die lieben wollen und Freunde bleiben. Die Kopfkinodauerkartenbesitzer. Die Melancholiker. Die Waschlappen-Gepflegten. Die Gepflegten. Die Waschlappen.

Und es gibt bestimmt auch welche, die all das in sich vereinen. Und es sei Ihnen versichert: die passenden Frauen dazu, die gibt es auch.

Wenn Sie daraus aber ein Massenphänomen, einen „vermeintlichen Endpunkt“ der ewigen Suche nach dem heiligen Gral der heterosexuellen Zweisamkeit konstruieren wollen, müssen Sie dem ganzen verallgemeinernden Wust wohl erst einen griffigen Namen geben. Wie wär’s mit „Fühlo“? Oder YoungUrbanNonOffensives? Die NoFucks?

Es findet sich für mich kein schlüssiger Neologismus an. Vielleicht müssen wir einige Merkmale streichen, uns auf die konzentrieren, die Ihnen anscheinend am sauersten aufstoßen. Nur, welche sind das?

Eine passende Überschrift für Ihren Artikel hätte ich gefunden: „Er fickt nicht.“ Darauf scheinen mir Ihre Aussagen hinauszulaufen. Und zwar recht ausschließlich. Dass er nicht fickt, ist schade, aber auch durch nichts, außer vielleicht persönliche Erfahrungen, belegt.

Wie jung sind denn diese Männer, die sie da beschreiben? Sie müssen jünger sein als die Horden von Fühlos, die mit Tragetüchern und Hugaboos durch die Nation ziehen. Denn auch, wenn beides vielleicht nicht per Definition als klassisch männliches Accessoire zu bezeichnen ist, so ist doch eines recht sicher (außer der junge Mann ist Flaschensammler):

Da sind Kinder drin.

Zumindest einmal muss sich der junge Mann also wohl aufgerafft haben. Aus seiner Selbstreflektion und -befriedigung ausgebrochen sein. Den von Ihnen vermissten, letzten Schritt getan haben.

Verstehen Sie mich recht: Ich finde diesen, zumindest von mir als solchen wahrgenommenen Trend zur Selbstreflexion als Selbstzweck und Lebensinhalt grauenvoll. Um ein blasses, milchiges Etwas herum kann man Spiegel aufstellen, so viele man möchte – das macht das Bild nicht besser, nicht deutlicher, und nicht gehaltvoller.

Mitunter denke ich, dass dabei gar nicht mehr über sich selbst nachgedacht wird, sondern Role-Models reflektiert werden, damit’s nicht gar so langweilig ist, das Bei-Sich-Sein.

Aber damit muss man sich als Frau doch nicht abfinden? Man muss doch Männer nicht so nehmen, man muss doch diese Männer nicht nehmen, man muss doch nicht hinnehmen, dass man nicht genommen wird.

Lassen Sie die Jungs doch stehen. Und gedeihen. Ein Leben lang schafft man die Haltung doch höchstwahrscheinlich eh nicht. Und sonst: Nehmen Sie sich einen, wenn er Ihnen gefällt. Grade an Jungs kann man bestimmt noch rumbasteln. An Männern, den ausgewachsenen Exemplaren, ist das später schwieriger. Und arbeitsintensiver.

Wenn Ihnen das Tierische an diesem „neuen“ Typus Mann (ES SIND BUBEN, WENN SCHON) fehlt, dann wecken Sie es. Wie schwer kann das sein?

Artikel wie der Ihre tragen zur Verkomplizierung eines recht einfachen Sachverhalts bei, der das nicht nötig und auch nicht verdient hat. Ich bin ein Mann. Du bist eine Frau. So viel ist sicher, und sonst? Lass uns sehen, was man draus machen kann. Wer die Mixtapes zusammenstellt, wenn wir welche brauchen oder wollen. Wer kommt, wer geht, und wann.

Apropos „wann“: Wann ein Mann ein Mann ist – möchten Sie das nicht von Fall zu Fall entscheiden?

Ich versichere Ihnen: Es gibt sie. Solche – und solche.